Europapokal Geschichte - Hirschfelde holte den ersten Cup

Faustball Europacup der Frauen und IFA-Cup der Männer 2012

Pokal des ersten EuropacupsWolfgang Lamprecht, Herbert Seidel, Manfred Aust, Klaus Petzold, Horst Steudte und Roland Posselt hießen die Protagonisten des 1. Europapokals in der Geschichte des Faustballs. Sie alle spielten für den ersten Cupgewinner 1963, die ISG Hirschfelde. Für einen war es zugleich eine Abschiedsgala zum Karriereende. Für den damals 42-jährigen Kapitän Horst Steudte war der Finalsieg zugleich das letzte Pflichtspiel im Dress der Sachsen.

 

 

die Hirschfelde-Erfolgsstory

FSV Hirschfelde

1963

Hirschfelde, ein Ort mit Faustballtradition seit 1911, war bereits Serienmeister in der jungen Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik. Insgesamt 7-mal hatten sich die Ostsachsen diesen Titel zu diesem Zeitpunkt geholt. Erst der letzte dieser Meistertitel berechtigte zur Teilnahme am erstmals 1963 ausgetragenen Faustball-Europapokal.

Hirschfelde-Kapitän Horst Steudte war es dabei, der offensichtlich 1945 auf Anraten eines russischen Stadtkommandanten die Sache ins Rollen gebracht hatte. Bereits 1946 gab es ein erstes offizielles Wettspiel, 1951 erreichte man erstmals die Sachsenmeisterschaft. Die bereits bestehenden Verbindungen in den westdeutschen Raum sorgten dafür, dass insbesondere auf Turnieren Sportfreundschaften gepflegt und regelmäßig Faustball auf hohem Niveau gespielt werden konnte.

 

Faustball im Mittelpunkt

1. Europacup-Sieger Hirschfelde„Aus schier ausweglosen Situationen zeigten diese „fliegenden Menschen“ erstaunliches Reaktionsvermögen und Körperbeherrschung gepaart mit einer ausgezeichneten Kondition.“

(OÖN Sport, 26.08.2010)

 

3.000 Zuschauer waren dabei, als der amtierende DDR-Meister sich die silberne Trophäe 1963 sicherte. Die Hirschfelder und das gesamte Umfeld bereitete der siegreichen ISG einen großen Empfang. Groß waren die Schlagzeilen der örtlichen Presse. Allein 17 Zeitungsartikel im Erinnerungsbuch der Hirschfelder, viele über ganze Zeitungsseiten zeugen vom regionalen Enthusiasmus und dem Stellenwert des Faustballs in der Gesellschaft.

 

„Er spielte links und rechtsarmig gleich gut.“

(OÖN Sport, 26.08.2010)

 

Eine ganze Region war schlicht begeistert. Die Gratulanten reichten von der SED-Kreisleitung Zittau, der VEB Elektrochemie Hirschfelde, dem Kraftwerk „Friedensgrenze“ bis hin zur Freiwilligen Feuerwehr und befreundeten Vereinen, um nur einige zu nennen. Sogar Glückwunschkarten und Telegramme erreichten die ISG. Am 30.08.1963 erhielt das siegreiche Faustballteam einen offiziellen, öffentlichen Empfang ausgerichtet in der HO-Gaststätte Freundschaft in Hirschfelde und organisiert durch den Rat der Gemeinde sowie durch die SED-Kreisleitung.

Die ISG Hirschfelde konnte den Europacup-Triumph nicht noch einmal wiederholen, schaffte jedoch einige Jahre später erneut den Sprung "auf´s Treppchen". 1969 unterlag man im Finale dem Top-Favoriten und Lokalrivalen, der BSG Chemie Zeitz. 1971 reichte es vor heimischem Publikum immerhin zu Platz 3.

 

Der Europacup

1. Europacup-Sieger HirschfeldeKnapp drei Jahre nach der Gründung des Internationalen Faustballverbands (später International Fistball Association) stand die Veranstaltung allerdings lange Zeit auf der Kippe. Für den österreichische Meister und Ausrichter ATSV Linz, selbst 10 Jahre zuvor Ausrichter des ersten europäischen Ländervergleichs überhaupt, schienen die finanziellen Hürden derart hoch zu sein, dass das Turnier eine Woche vor dem ersten Ballwechsel noch nicht gesichert war.

Der (West)deutsche Meister 1962 TSV Pfungstadt sagte seine Teilnahme zudem kurzfristig aus Verletzungsgründen ab. Der TV Passau (Meister 1961) vertrat die Hessen später mehr als würdig und wurde erst in der Finalrunde auf Platz 2 verwiesen.

Die beiden deutschen Teams spielten mit den weiteren Teilnehmern, Traditionsverein SSV Bozen (ITA), Zürich-Örlikon (CH) und ATSV Linz einen kuriosen Modus. Jeder gegen Jeden hieß es in der Vorrunde am Sonnabend, während am Sonntag in einer Finalrunde lediglich noch die besten drei Mannschaften zum Rückspiel gegeneinander antraten.

Eine hohe Leistungsdichte, aus der lediglich der Schweizer Vertreter abzufallen schien, sorgte für einen spannenden Wettkampf der Nationen.

 

„In der Schweiz galt Faustball als ein Sport für ältere Semester…Darum nahmen als Vertreter würdige, leicht angegraute, etwas behäbige Herren teil.“

 

Die Eidgenossen hingegen hatten offensichtlich angesichts einer noch nicht ausgespielten Meisterschaft eine Verlegenheitsmannschaft aufgestellt, um diesem internationalen Top-Event beiwohnen zu können. Warum der amtierende westdeutsche Meister, TSV Pfungstadt, nicht an der Veranstaltung teilnahm, berichteten verschiedene Quellen sehr unterschiedlich. So verzichteten die Hessen offiziell, weil Verletzungen eine Teamzusammenstellung unmöglich machten. Dieter Wales berichtete später in einer Tageszeitungsausgabe vom 02.09.1963 hingegen, dem TSV wäre vom Turnerbund keine Startgenehmigung erteilt worden, weil „kein Interesse an Spielen gegen die Ostzone“ vorhanden sei. Vorjahresmeister TV Passau wiederum fuhr in dieser Version der Geschichte daraufhin ohne Starterlaubnis zum Europacup.

Ein Politikum, welches jedoch in der weiteren Europapokal-Berichterstattung keinerlei weitere Erwähnung findet.

 

Interessant auch, dass dabei selbst die Presse-Nachlese zum Europacup den Teams untereinander und insbesondere den beiden deutschen Mannschaften „ein gutes kameradschaftliches Verhältnis“ bescheinigte. Die Faustball-Familie war offensichtlich auch in dem schwierigen politischen Umfeld stark und intakt und so wurde auch über die Medien Enttäuschung darüber zum Ausdruck gebracht, dass „die westdeutschen Sportler zur Zeit nicht mit den Mannschaften der DDR Wettkämpfe durchführen dürfen.“

 

Anders als heute ließ es sich der damalige Präsident Erich Petschnek des Internationalen Faustball-Verbands nicht nehmen die Ehrung der Sieger unter großem Beifall des Publikums höchst selbst vorzunehmen.

 

Chronologie des Europacups 1963

(Quelle: OÖN Sport v. 26.08.1963)

Zürich- Linz 14:72 (5:39)

Ausgezeichneter Start der Linzer mit einem ganz überlegenen Erfolg. Das Seniorenteam der Schweizer hatte keine Chance.

Passau- Bozen 38:32 (19:15)

Überraschend führte anfangs Bozen, aber schließlich siegten die Passauer knapp.

Hirschfelde- Linz 20:36 (8:19)

Erster Höhepunkt der Vorrunde. Die bereits warmgespielten Linzer ließen den Vertretern aus Hirschfelde wenige Möglichkeiten und kamen zu einem verdienten, allerdings überraschend hohem Sieg.

Hirschfelde- Bozen 44:24 (17:14)

Die Südtiroler schlugen sich besonders vor der Pause sehr tapfer, dann setzte sich aber Hirschfelde entscheidend durch.

Passau- Linz 24:23 (13:13)

Hier standen sich zwei gleichwertige Mannschaften gegenüber. Eine sehr spannende und hochklassige Partie. 13mal wurde ausgeglichen! Eine ausgesprochene Werbung für den Faustballsport schlechthin.

Passau- Zürich 67:19 (28:13)

Die Dreiflüssestädter siegten nach Belieben.

Bozen- Zürich 42:22 (18:14)

Nach dem Wechsel trumpften die Südtiroler auf. Die Schweizer kamen schon besser ins Spiel, waren jedoch die klar schlechtere Abordnung.

Bozen- Linz 14:58 (8:29)

Erwarteter Sieg des Veranstalters, der nun mit Brandstetter (für Stöger) spielte.

Zürich- Hirschfelde 13:58 (4:32)

Die Deutschen tobten sich ordentlich aus und verbesserten ihr Punkteverhältnis gewaltig.

Passau- Hirschfelde 27:29 (13:15)

Erste Niederlage der Passauer in der Vorrunde. Am Beginn lag Passau vorn, später zog Hirschfelde auf 10:10 gleich, ging in Führung, aber die Bayern konnten nochmals auf 19:19 aufholen. In den Schlussminuten wechselte die Führung mehrmals. Spannendes Schlußspiel mit knappem Sieg für Hirschfelde. Beiderseits sehr gute Leistungen.

 

Stand nach der Vorrunde:

1. ATSV Linz 4 3 - 1 189: 72 6:2

2. TV Passau 4 3 - 1 156:103 6:2

3. ISG Hirschfelde 4 3 - 1 151:100 6:2

4. SSV Bozen 4 1 - 3 112:162 2:6

5. Zürich-Örlikon 4 - - 4 68:239 0:8

 

Endrunde

Linz- Hirschfelde 28:29 (15:15)

Eine spannende und dramatische Begegnung bis zum Schlusspfiff. Beiderseits wurde wieder ausgezeichneter Faustball geboten, so richtig nach dem Geschmack der Zuschauer, die lebhaft mitgingen. Dieses Spiel wurde zu einer Nervenprobe für beide Teams. Sechszehnmal (!) wurde hier ausgeglichen. Wenige Sekunden vor Schluß hieß es noch 28:28, aber dann setzte Schmidhofer eine Angabe neben das Spielfeld, und die Partie war verloren.

Bozen- Zürich 41:36 (22:17)

Im Spiel um den vierten Platz gaben sich die aufopfernd spielenden Eidgenossen erst nach Kampf geschlagen. Bozen war etwas schwächer als am Vortag.

Passau- Hirschfelde 22:32 (6:21)

Die Passauer kamen vor dem Wechsel nicht ins Spiel. Vor allem Weidenthaler ließ hier etwas aus. Hirschfelde nützte die Schwächen des deutschen Bruders aus der BRD sehr geschickt aus. Es nützte auch nichts, dass sich die Passauer nach dem Wechsel steigerten und diesen Abschnitt mit 16:11 für sich entschieden, denn das verlorene Terrain vor der Pause war schon zu groß gewesen. Nach diesem zweiten Erfolg der ISG Hirschfelde stand auch schon der Europa-Pokal-Sieger im Faustball fest: Hirschfelde!

Linz- Passau 28:31 (14:18)

Linz hätte hier noch die Möglichkeit gehabt Zweiter zu werden, doch die Grenzstädter zeigten sich nun wieder stark verbessert. Weidenthaler spielte wieder die erste Geige, unterstützt von seinen ausgezeichneten Nebenspielern. Bei 7:7 übernahmen die Passauer die Führung, die sie bis zum Ende nicht mehr aus der Hand gaben. Wohl kam Linz auf 11:13 und später auf 23:25 heran, doch viele Eigenfehler der Heimischen waren Schuld an der Niederlage. Vor der Pause war als linker Vorderspieler Brandstetter eingesetzt, der dann von Stöger abgelöst wurde. Bei beiden wechselten Licht und Schatten.

 

Endstand

1. ISG Hirschfelde (Gewinner des Wanderpokals des Präsidenten des Internationalen Faustballverbandes)

2. TV Passau (Gewinner des Ehrenpreises der oberösterreichischen Landesregierung)

3. ATSV Linz (Gewinner des Ehrenpreise der Fa. Peugeot-Leischko)

4. SSV Bozen (Ehrenpreis des Bürgermeisters der Stadt Linz)

5. Zürich-Oerlikon (Ehrenpreis des Bürgermeisters der Stadt Linz)

 

 

ISG Hirschfelde

Lamprecht, Seidel, Aust, Petzold, Steudte, Posselt

TV Passau

Hois, Schwenk, Öhlhast, Ringseis, Weidenthaler

ATSV Linz

Stöger, Wimmer, Schmidhofer, Mühllechner, Auer, Thiele, Brandstetter

SSV Bozen

N. Koller, H. Koller, J. Koller, Kiemera, Menz, Frick

Zürich-Oerlikon

Kuhn, Buchner, Toggweiler, Lutz, Aichinger

 

 

Ich danke dem erfolgreichen Team von 1963 für die sorgfältig und umfangreich angelegte Presseschau sowie Peggy Rathmann vom FSV Hirschfelde, für den sicheren Transport Hirschfelde- Berlin und dass sie sich meiner Anfrage überhaupt angenommen hat. Vielen Dank!


Zusätzliche Informationen